Eindrücke der Aktionsgruppe “Spreelichter”
Unsere Ausführungen in “Der ‘Nationale Widerstand’” haben einige Diskussionen, Zustimmung, aber auch Ablehnung – vor allem seitens Anhängern eines parlamentarischen “Widerstands” – ausgelöst. Denn gerade dort offenbart sich die Schwäche am deutlichsten, einer vorgeblichen und zuletzt völlig inkonsequenten Einheit wegen, jede Frage mit einem Kompromiss zu beantworten und jede entartete Entgleisung zu dulden. Den guten Willen, sich für eine Sache einzusetzen, haben wir dabei niemandem abgesprochen. Tatsächlich geht es allein um den Gedanken, dass man jederzeit in der Lage sein muss, die Richtigkeit seiner Handlungen neu zu überdenken.
Wenn man sich überprüft und der Moment eintritt, in welchem man sich dabei ertappt, mehr und mehr Handlungen zu begehen oder bei anderen wahrzunehmen, die den eigentlichen Idealen und Zielen widersprechen, dies aber ohne das Ziehen von Konsequenzen hinnimmt, dann ist man bereits schleichend zum Teil eines Systems geworden, dem man vorher noch ablehnend gegenüberstand. Man neigt dann vielleicht plötzlich dazu, die “Partei” rosiger zu schildern, als sie ist, gewisse charakterliche Mängel bei den Mitstreitern und üble Zustände in der Organisation zu übersehen oder schönzureden, unbedeutende Wahlergebnisse als bedeutend hinzustellen, Mitgliederzahlen und Prozentergebnisse als das Wichtigste im politischen Leben zu sehen und hält all das zuletzt für grundrichtig.
Das alles sind jedoch Verfallserscheinungen, die charakteristisch sind für dieses System und eben deswegen auch vor den demokratischen “Rechts”-Parteien nicht haltmachen. Doch dort wehrt man sich entschieden gegen den Vorwurf, Systempartei zu sein und beansprucht im Gegenteil die Führungsrolle im “Nationalen Widerstand”.
Bereits 1992 veröffentlichte Roland Bohlinger den Aufsatz “Notwendigkeit einer weiteren Grundentscheidung”, in dem er im Abschnitt “Rettung durch systemimmanente Politik?” schrieb:
Eine Bewegung, die politisch verändernd wirken möchte, versucht gewöhnlich, bestehende Machtstellungen in Staat, Wirtschaft, Organisationen und vielleicht auch Kirchen zu erobern. Sie unternimmt das in der Erwartung, es ließen sich mit dem Besitz und Gebrauch dieser Machtstellungen die erstrebten Änderungen, auch solche grundlegender Art, erreichen. Man kann eine derartige Politik als systemgemäß bezeichnen.
Eine systemgemäße Politik kann auf gesetzlich erlaubte oder unerlaubte Weise erfolgen. Die gesetzlich erlaubte ist die offen systemgemäße. Sie zeichnet sich durch folgende Wesenszüge aus:
- Einordnung in die vorherrschenden Sach- und Verwaltungszwänge
- Befolgung der geltenden Spielregeln
- Gebrauch der bei Machtkämpfen im System üblichen Mittel,
das heißt, sie zeigt vor allem
- eine zumindest vorläufig gemeinte Anerkennung der herrschenden Wirtschaftsform,
- der zentralistischen Beamtenherrschaft und
- des Parteien- und Verbandswesens,
- folgt mehr oder minder dem Missbrauch der heutigen Werbe- und Erziehungsmöglichkeiten und
- übt sich in viele Arten gesetzlich erlaubten Betrugs und Zwangs ein.
Daher kann eine derartige Kampfesweise, wird sie länger und zunehmend erfolgreich angewandt, nur zur Gewöhnung der meisten Kämpfer an die benutzten systemgemäßen Formen, befolgten Regeln, angewandten Mitteln führen, dann zum Verrat an den ursprünglichen Zielen durch erwachendes Gefallen an ausgedehnter Macht verleiten und schließlich in eine begrenzte bis völlige innere und äußere Anpassung einmünden, ergänzt durch Verfilzung mit gleichfalls um die Macht buhlenden Gruppen und begleitet von heftigen, vielleicht sogar blutigen Kämpfen mit Volksteilen, die von Gegnern aufgehetzt werden.
Das heißt: Die neue politische Strömung, die ursprünglich von einer Begeisterung für hohe systembefreiende Ziele getragen wurde, verstrickt sich in systemgemäße Verhaltensweisen und endet nicht in Befreiung und schöpferischem Aufbau, sondern in einer als “Reform” auftretenden Neuanpassung des Systems, was praktisch aber nichts anderes darstellt als eine Festigung des Systems.
Im Grundsätzlichen gilt das Gleiche für den politischen Weg von Personen, die in einen bereits bestehenden politischen Verband mit den besten Absichten und großen Hoffnungen eintreten, entweder, um ihn “umzufunktionieren” oder, um dort einen “Marsch durch die Institutionen” anzutreten.
Eine Fülle von Lehrbeispielen bietet die Geschichte des Parteienwesens. Es gab bisher noch keine Partei, die nicht mit einem großen, wohltönenden Programm aufgetreten wäre, die nicht Freiheit und Gerechtigkeit, Sicherheit und Wohlstand, Frieden, Beseitigung der Ausbeutung und noch manches andere Schöne versprochen hätte – aber das meiste blieb Wortgeklingel, wenn es nicht sogar bewusst täuschen sollte. Keine kam über systemausgliedernde Ansätze, über weitgehend äußerliche Neuerungen bis mittlere Verbesserungen, über Flickwerk und wohlgemeinte Reden hinaus. Sie alle wirkten, wenn auch oft wider Willen und Hoffnung, in irgendeiner Form bei der Fortentwicklung und Festigung des Systems mit. Sie taten das selbst dann, wenn sie nur als Auffangbecken für Unzufriedene oder als demokratisches Feigenblatt dienten – denn dann dienten sie dazu, die Menge über das Wesen (des Systems) zu täuschen, über dessen zunehmend zerstörerische, lebensabschnürende Entwicklung.
Wer die inneren Zustände der Systemparteien kennt, kann niemals den Eindruck gewinnen, dass die dort vertretenen Gestalten und halben Menschen willens und in der Lage sind, einen zermürbenden Opfergang durchzustehen. Wer nur als politisch-sozialer Verein oder Partei ohne weltanschauliche Grundlage auftritt, wird immer nur eine Interessenvertretung bleiben und kann nicht erwarten, dass die besten Menschen zu ihm stoßen.
Das Jammern und Zetern um eine vorgebliche Einheit, der sich jeder kritiklos zu unterwerfen hat und die nicht angetastet werden darf, ist nur ein Zeichen politischer Schwäche und mangelnden Durchsetzungsvermögens. Denn dann taugt entweder die Idee nichts oder es fehlt an schöpferischen Persönlichkeiten, die dieser Idee zum Durchbruch verhelfen können. In solchen Fällen klammert man sich an eine verkrustete Organisation, fabuliert von “politischer Offensive” und “jahrzehntelanger Aufbauarbeit”, erfreut sich an “Wahlerfolgen”, die keine sind, täuscht sich selbst und die eigene Anhängerschaft über die tatsächliche Stärke und darüber, dass die Partei im Grunde genommen zuletzt Selbstzweck – und damit auch Teil des bestehenden Systems – geworden ist.
Und auch eine Führungsrolle kann man nicht beanspruchen – eine solche Position muss in einem Überzeugungskampf für eine Idee durch die Tat errungen werden. Wer sich in diesem Kampf nicht durchsetzen kann, hat keine Ansprüche zu stellen.
Vielen Dank für diesen Bericht – www.spreelichter.info



